Donnerstag, 16. April 2015

Familie Hashemi - Afghanen fühlen sich in Deutschland eingesperrt

Von Gerrit Sponholz - Foto ger

Elnaz (von links), Mina und Amir Hashemi werden bei der Integration von der Diakonie-Migrationssozialberaterin Gisela Dell unterstützt. Vieles ist der afghanischen Flüchtlingsfamilie behördlich verboten, etwa einen Job anzunehmen oder Auto zu fahren. 

Kontakt: Migrationssozialberatung des Diakonischen Werks des Kirchenkreises Plön-Segeberg, Kirchstraße 9a, Bad Segeberg,  Gisela Dell. Telefon 04551/955302
Kreis Segeberg. Seit über drei Jahren lebt die aus Afghanistan geflüchtete Familie Hashemi im Kreis Segeberg. Die Eltern Mina (35) und Amir (37) sowie Tochter Elnaz (16) sind froh, in Mözen eine Unterkunft gefunden zu haben. Doch zugleich ist die Familie sehr unglücklich. Der Vater darf weder Auto fahren noch bezahlte Arbeit annehmen. Reisen sind nur auf Antrag möglich. Und mehrere Monate lang durfte Elnaz keine Schule besuchen. Ihr Status: „Aussetzung der Abschiebung (Duldung)“, heißt es in den Ausweispapieren. „Deutschland ist für uns ein großes Gefängnis“, sagt Vater Amir Hashemi.

Hilfe finden sie in Gisela Dell von der Migrationssozialberatung des Diakonischen Werkes. Sie macht den Behörden Vorwürfe. Unter anderem einem Sozialamt. „Es hat versagt“, meint die Sozialpädagogin. Elnaz Hashemi (16) sei zu Beginn ihres Deutschlandaufenthalts ein halbes Jahr lang ein Schulbesuch verwehrt worden. „Dabei besteht hier Schulpflicht.“ Außerdem habe sie in Leezen zur Schule gehen sollen. Die Integrationskurse „Deutsch als Zweitsprache“ liefen aber an Schulen in Bad Segeberg.

Diesen Kampf mit der Bürokratie hatte die Familie Hashemi nicht erwartet, als sie 2011/2012 über Iran, Türkei und Griechenland in den Norden Deutschlands floh. Sie kam hierhin, „weil in Hamburg mein Bruder wohnt“, sagt Amir Hashemi. Die dreiköpfige Familie hatte in Herat gelebt, im Westen Afghanistans. Er ist Schiit, Anhänger einer Minderheit im Islam, und hat als Repräsentant einer Moschee gearbeitet, war außerdem Lehrer für Religionen und Leiter eines kleinen Supermarktes. Mutter Mina war Hausfrau. „Uns haben sunnitische Terrorgruppen bedroht“, berichtet Tochter Elnaz.

Anfang 2012 waren sie in Neumünster, im Landesaufnahmelager. Danach wurden sie in Todesfelde einquartiert, jetzt leben sie in Mözen. Elnaz besucht mittlerweile das Schulzentrum in Bad Segeberg und spricht fließend Deutsch.

Auch Vater Amir hat schon mehrere Deutsch-Prüfungen abgelegt und engagiert sich ehrenamtlich als Übersetzer in der Flüchtlingsbetreuung. Für Geld arbeiten darf er nicht. Das haben ihm Behörden schriftlich gegeben: „Erwerbstätigkeit nicht erlaubt.“ Und ein zweiter Satz steht im Ausweispapier: „Die Wohnsitznahme ist auf den Kreis Segeberg beschränkt.“ Reisen sind ohne Weiteres nur in Schleswig-Holstein möglich.

Die Reglementierung bereitet vor allem Tochter Elnaz Probleme und macht sie sehr traurig. „Ich will so gerne reisen.“ Etwa zu Verwandten. Und Vater Amir würde gerne einem Job annehmen. Das sei ihm nicht gestattet worden mit dem Vorwurf, dass der Flüchtling „bei der Identitätsfindung nicht mitwirkt“. So hätten Behörden verlangt, dass Hashemi einen afghanischen Pass vorlegt. Doch den will ihm die Botschaft seines Heimatlandes nicht ausstellen, bestätigt Gisela Dell. Außerdem sei seine Ausbildung in Afghanistan in Deutschland nicht anerkannt worden. Selbst Amirs Internationalen Führerschein wollten die Behörden nicht anerkennen oder ihn zur Fahrprüfung zulassen - es fehle Originalgeburtsurkunde. Amir Hashemi und Gisela Dell wundern sich. Bei ähnlichen Fällen in Bad Oldesloe und Niedersachsen sei das genehmigt worden.

Auch mit den Asylanträgen hatten die Hashemis bei den Behörden und vor Gericht kein Glück. Sie wurden alle abgelehnt. „Warum? Das weiß ich nicht“, sagt Amir Hashemi. Genau diese Frage quäle ihn am meisten. „Ich erhalte keine greifbaren Antworten.“ Sein Fazit nach all den Verbotsarien: „In Deutschland darf ich nur atmen!“

Gisela Dell pflichtet ihm bei. Die Beschränkungen und Ablehnungen sind „wie Handschellen für die Familie“. Nicht einmal Anspruch auf Sprachkurse hätten sie – und das nach über drei Jahren in Deutschland.

Die Kreisausländerbehörde will zu Einzelfällen wie diesem keine Stellung nehmen. Die Familie ist derzeit geduldet, also die Abschiebung ausgesetzt. Mal werde die Frist um fünf Monate verlängert, mal nur um Wochen, sagt Gisela Dell. Sie wehrt sich gegen den Verdacht, es handele sich um Flüchtlinge, die aus rein wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen seien. „Sie haben das Wichtigste in ihrem Leben, ihre Heimat, zurücklassen müssen und keine Alternative gehabt. Sie sind geflohen, weil sie bedroht worden sind.“

Dell setzt sich weiter für die Familie ein. So wie andere Bürger aus dem Raum Leezen. Zu ihnen zählt Heinrich Kleine. „Warum sollten wir junge Menschen, die motiviert sind und soziale Fähigkeiten besitzen, keine Chancen bieten, in unserer Mitte Fuß zu fassen?“


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